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„Interkultureller Dialog ist ein zentraler Teil unserer Arbeit“

In einem Interview spricht Detlev Spierling mit Dr. Olena Opanasenko, Vorsitzende des neuen ukrainischen Vereins ‚NaschDim‘.

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Dr. Olena Opanasenko
Foto: PM / Privat

Detlev Speierling: Frau Dr. Opanasenko, was hat Sie neben ihrer wichtigen familiären Vorprägung noch motiviert, sich als Ukrainerin persönlich so stark für unser Land und für die deutsche Sprache zu interessieren und seit wann leben Sie nun schon ganz oder teilweise in Oberursel?
Olena Opanasenko: Ich hatte immer einen Traum, dieses Land zu besichtigen und so gut kennen zu lernen, um meine sehr paradoxen Gefühle zwischen der Liebe zum genialen Goethe und dem Hass zum blutigen Hitler verstehen zu können. In Oberursel lebe ich jetzt seit über drei Jahren – seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine. In dieser Zeit war ich sowohl hier als auch in der Ukraine tätig, das heißt, ich bin regelmäßig zwischen Deutschland und der Ukraine gependelt.
Mein Ziel war und ist es, beide Länder miteinander zu verbinden und gleichzeitig meine persönliche und berufliche Bindung zu meiner Heimat nicht zu verlieren. Heute würde ich sagen: Ich befinde mich aktiv im Prozess des Ausbaus der Beziehungen zwischen unseren Staaten – auf allen Ebenen. Das reicht von offiziellen Kontakten und institutionellen Initiativen bis hin zu Begegnungen zwischen Bürgerinnen und Bürgern. Denn gerade diese menschliche Ebene halte ich für besonders wichtig.

Am 5. November 2025 haben Sie in Oberursel den Verein ‚NaschDim‘ (ukrainisch für ‚Unser Haus‘) offiziell mitgegründet und wurden zu dessen erster Vorsitzenden gewählt. Warum wurde dieser neue Verein gegründet und was sind dessen vorrangige Ziele?
Der Verein NaschDim ist aus einer sehr konkreten Notwendigkeit heraus entstanden. Seit Beginn des Angriffskrieges 2022 leben viele Ukrainerinnen und Ukrainer im Hochtaunuskreis – manche nur vorübergehend, andere dauerhaft. Sie benötigen nicht nur Unterstützung im Alltag, sondern darüber hinaus eine institutionelle Grundlage und einen Ort der Orientierung, der Begegnung und des kulturellen Kontakts, der gleichzeitig auch eine Brücke zur Ukraine bildet.  Genau dafür wurde NaschDim gegründet: als ein gemeinsamer Raum, als „unser Haus“, in dem Menschen ankommen, miteinander sprechen, sich austauschen und sich gegenseitig helfen können. 

Zu den vorrangigen Zielen gehört einerseits die Unterstützung der Menschen, die hier in Oberursel Schutz gefunden haben – sei es durch Beratung, Bildung oder Integration in das lokale gesellschaftliche Leben. Andererseits verstehen wir uns als Vermittler zwischen Deutschland und der Ukraine: Wir wollen kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen stärken, Städtepartnerschaften fördern und die direkte Verständigung zwischen Bürgerinnen und Bürgern beider Länder ermöglichen.

Unsere Ziele sind dabei dreifach und in der Abkürzung D.I.M. enthalten:
D bedeutet sich darstellen – wir stellen unsere Kultur und Traditionen dar, präsentieren sie für Deutsche.
I steht für Integration hier in Deutschland. Wir möchten den Integrationsprozess stärken – durch Beratung, Sprachförderung, Bildungsangebote, kulturelle Aktivitäten und praktische Hilfe.
M steht für mobilisieren und Brücken zwischen der deutschen und der ukrainischen Gemeinschaft bauen. Oberursel hat eine sehr offene, internationale Stadtgesellschaft, und wir möchten diese Offenheit durch konkrete Projekte, Veranstaltungen und Kooperationen vertiefen. Interkultureller Dialog ist ein zentraler Teil unserer Arbeit.

Ein besonders wichtiger Bereich für die nahe Zukunft ist unsere Rolle beim Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg. Wir hoffen, dass wir durch das Vertrauen, das unser Verein hier in Oberursel aufbauen will, zukünftige Investitionen in ukrainische Regionen anstoßen können – sei es durch Kooperationen zwischen Kommunen, Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen. NaschDim möchte hier aktiv begleiten, beraten und konkrete Projekte vermitteln.

Bereits am 6. Juni 2025 wurde während eines internationalen Kongresses in Kyjiw ein Freundschaftsvertrag zwischen Oberursel und der ukrainischen Stadt Vasylkiv besiegelt beziehungsweise unterzeichnet, deren Bevölkerungsanzahl mit Oberursel vergleichbar ist. Welche Rolle hatten Sie persönlich beim Zustandekommen des Freundschaftsvertrags mit dieser Stadt gespielt, die rund 30 Kilometer südwestlich von Kyjiw liegt?

O. Opanasenko: Beim Zustandekommen des Freundschaftsvertrags zwischen Oberursel und Vasylkiv habe ich eine zentrale vermittelnde Rolle gespielt. Im Mai 2024 knüpfte ich bereits erste persönliche Kontakte zur Stadtverwaltung von Vasylkiv – konkret zur Bürgermeisterin. Im Juni 2024 hatte ich dann hier in Oberursel die Initiative angestoßen, indem ich Oberursels Bürgermeisterin die Idee einer Städtefreundschaft vorgestellt und dafür geworben hatte, dass beide Gemeinden eine offizielle Verbindung eingehen.

Im Laufe der folgenden acht Monate wurde diese Initiative von beiden Parteien diskutiert, in Zoom-Konferenzen haben beide Bürgermeisterinnen ihre Bereitschaft bekundet, eine Freundschaft auf allen Ebenen (von offiziellen bis zu bürgerlichen Initiativen in den Städten) zu schließen. 

Als Folge nahm der Magistrat der Stadt Oberursel eine offizielle Einladung zum III. International Summit of Cities and Regions 'United for Peace and Security' / Congress of Local and Regional Authorities‘ an. Ich begleitete als Dolmetscherin und Expertin die kleine Oberurseler Delegation. Auf diesem Symposium, das vom 5. bis zum 7. Juni 2025 in Kyjiw stattfand, wurde das Freundschaftsabkommen zwischen Oberursel und Vasylkiv von beiden offiziell unterzeichnet.

Wie gut läuft denn bisher der Austausch mit dem Oberurseler Magistrat? Konnten Sie nach der Vereinsgründung schon ein Gespräch mit Bürgermeisterin Runge führen und gibt es schon konkrete Pläne über mögliche gemeinsame Aktivitäten des Vereins und der Stadt im Jahr 2026?

O. Opanasenko: Der Austausch mit dem Magistrat Oberursel verlief bislang konstruktiv. Gemeinsam ist es uns gelungen, während der letzten Sommerferien eine Kindergruppe aus Vasylkiv kurzfristig in Oberursel aufzunehmen, die sich hier etwas vom Krieg erholen konnten. Dabei war die Unterstützung des Magistrats entscheidend, der ein Programm organisiert hatte, das den Kindern nicht nur ein sicheres Umfeld, sondern auch schöne und abwechslungsreiche Erlebnisse geboten hat. Begleitet wurde das Programm von der hiesigen ukrainischen Gemeinschaft, insbesondere der Ukrainische Gemeinde Oberursel. Ehrenamtliche übernahmen das Dolmetschen, halfen bei Übersetzungen, stellten kleine Geschenke zusammen und sammelten Taschengeld – alles aus eigener Initiative und mit großem Engagement.

Als Vorsitzende unseres frisch gegründeten Vereins NaschDim hatte ich bereits ein Gespräch mit Frau Bürgermeisterin Runge geführt, die sich darüber freute, dass wir nun als offiziell anerkannte Ansprechstelle für die Stadt Oberursel auftreten können – insbesondere in all jenen Fragen, die die ukrainische Community sowie die Zusammenarbeit mit unserer neuen Partnerstadt Vasylkiv betreffen.

Frau Runge hob hervor, dass zwischen unserer – bereits seit gut drei Jahren existierenden – Initiative NaschDim und der Stadt ein stabiles Fundament des Vertrauens entstanden sei. Auf dieser Basis sei es nun möglich, die Zusammenarbeit auf eine institutionelle Ebene zu heben. Als prioritäre Handlungsfelder nannte sie vor allem den weiteren Ausbau und die Förderung der partnerschaftlichen Kontakte zwischen Oberursel und Vasylkiv. Genau hier kann unser Verein sehr gut koordinierend wirken, da wir sowohl die sprachliche als auch die kulturelle und organisatorische Vermittlung leisten können.

Für das Jahr 2026 haben wir bereits erste Ideen skizziert – etwa kulturelle Austauschformate, Bildungsinitiativen oder gemeinsame Veranstaltungen für Bürgerinnen und Bürger beider Städte. Unsere Rolle sehen wir darin, diese Projekte sinnvoll zu bündeln, zu vermitteln und nachhaltig weiterzuentwickeln.

Schon vor der offiziellen Vereinsgründung von ‚NaschDim‘ gab es ja die gleichnamige Initiative von Ihnen und einigen Mitstreiterinnen, die das Sprachcafé im Verein Windrose mit initiiert hatten (über das im Januar 2025 auch ein längerer Hintergrundbericht in der ‚Oberurseler Woche‘ erschienen ist). Inwieweit werden Sie sich auch weiterhin als Verein (in Kooperation mit der Windrose) im bzw. für das Sprachcafés engagieren – oder ist das gegenwärtig noch unklar?

O. Opanasenko: Wir sind dem Verein Windrose sehr dankbar – und ich möchte das ausdrücklich betonen. Die Windrose hat uns von Anfang an einen Weg gezeigt, wie man sich als Initiative konstruktiv und verantwortungsvoll einbringen kann. Ohne die intensive Begleitung, die praktische Unterstützung und das persönliche Engagement wäre vieles nicht möglich gewesen. An dieser Stelle möchte ich unbedingt alle nennen, die an unsere Initiative geglaubt und sie aktiv unterstützt haben: Michael Behrent, Jürgen Kronz, Sabine Lecher, Sabine Jockel, Thomas Kelly, Wolfgang Dörnbach und Ulrike Borngräber.

Gemeinsam konnten wir in den vergangenen Jahren bereits mehrere Projekte erfolgreich aufbauen und durchführen – vom Sprachcafé und Sprachkursen über kulturelle Veranstaltungen bis hin zu Kunst-Workshops.

Zuletzt gab es zwischen mir als Gründerin des Sprachcafés und einigen derjenigen, die das Projekt später weitergeführt haben, jedoch unterschiedliche Vorstellungen zur inhaltlichen Ausrichtung. Dennoch bleibt klar: Wir begrüßen eine weitere Kooperation mit der Windrose, wobei eine vorherige Abstimmung helfen soll, mögliche Missverständnisse zu vermeiden.

Frau Dr. Opanasenko, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche ‚NaschDim‘ viel Erfolg!

 

Zur Person:

Olena Opanasenko, Jahrgang 1968, wuchs in einer ukrainischen Familie in der Hauptstadt Kyjiw auf. Seit ihrer Kindheit hatte sie dort nur Positives über die Kulturnation Deutschland gehört – ein kulturelles und intelligentes Volk seien die Deutschen, sagte ihre Großmutter stets zu ihr.

Ihr erster Studienabschluss in Germanistik, Fachrichtung deutsche Sprache und Literatur, öffnete ihr nicht nur den Zugang zu einer neuen Sprache, sondern führte sie auch zu der Idee, in Geschichte zu promovieren. Ihre Doktorarbeit widmete sie den ukrainisch-deutschen Kulturbeziehungen in der Zeitgeschichte. Bis Oktober 2025 lehrte sie neben Germanistik dieses Themenfeld als Professorin an der Kyjiver Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität. Zu ihren Interessen, die mit der Zeit ihre Schwerpunkte bei der Forschung geworden sind, gehören vergleichende Kulturwissenschaft und interkulturelle Germanistik.

Hier in Deutschland versteht sich Opanasenko als Brückenbauerin. In dieser Rolle sieht sie ihre wichtigste Aufgabe darin, mögliche Missverständnisse oder sogar Konfrontationen zwischen beiden Völkern abzubauen.

Der Verein ‚NaschDim‘ ist unter der E-Mail-Adresse naschdim.de@gmail.com erreichbar.

 

Ausgewählte Ukraine-Hintergrundinformationen:

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bietet ein umfassendes Dossier zum Ukrainekrieg, das nicht nur Hintergründe beleuchtet, sondern auch tagesaktuelle Entwicklungen einordnet. >> www.lpb-bw.de/ukrainekonflikt

„Generation Ukraine“: Der deutsch-französische TV-Sender ARTE unterstützt zwölf ukrainische Filmteams. Im Rahmen dieser Kooperation werden auf dessen Online-Portal ‚arte.tv‘ Dokumentarfilme präsentiert, die einen tiefen Blick von innen ermöglichen.  >> www.arte.tv/de/videos/RC-025927/generation-ukraine

Hrytsak, Yaroslav: „Ukraine – Biographie einer bedrängten Nation“

Hrytsak gilt als einflussreichster ukrainischer Historiker der Gegenwart. Sein Buch wurde in der Ukraine zum Bestseller. Darin erklärt er der angegriffenen Nation, woher sie kam, was sie prägte und woran ihre Widerstandskraft gegenüber der russischen Aggression lag.

Der Autor ist Ko-Direktor des deutsch-ukrainischen historischen Zentrums MHZ (gemeinsamm mit Prof. Dr. Martin Schulze Wessel), das gemeinsam von der LMU München und der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv getragen wird.

C. H. Beck, München 2025, 480 Seiten mit 5 Karten – Hardcover: 34,00 Euro / e-Book: 26,99 Euro >> https://www.chbeck.de/hrytsak-ukraine/product/36959117

Schulze Wessel, Martin: „Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“

Der Historiker Martin Schulze Wessel lehrt Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit seinem Buch legt er die erste Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen (aus deutscher Sicht) vor und ruft in Erinnerung, wie eng die Geschichte beider Länder im 20. Jahrhundert miteinander verflochten ist.

C. H. Beck, München 2025, 287 Seiten, 28 Euro / eBook 23,99 Euro                               
>> https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121

Interview mit Schulze Wessel über sein Buch im Feuilleton der SZ – Süddeutsche Zeitung am 11.11.2025

>> https://www.lmu.de/mhz/de/aktuelles/newsuebersicht/news/sz-artikel-bucherscheinung-die-uebersehene-nation.-deutschland-und-die-ukraine-seit-dem-19.-jahrhundert.html

Lebedew, Sergej (Herausgeber): "Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg".

"Es sind Erzählungen, die durch Mark und Bein gehen und klarmachen, was es heißt, heute in Russland zu leben. Eine neue Generation von Schriftstellern schreibt sich damit ein in die Literaturgeschichte und folgt den großen Realisten der russischen Literatur."

(Welf Grombacher, Rheinische Post, 10. März 2025)

Verlag: Rowohlt Hardcove, Hamburg – 384 Seiten 28,00 €, eBook 24,99 € >> https://www.rowohlt.de/buch/nein-9783498007430